In Marke, Weiterbildung

Wie funktioniert Kulturmarketing und was bringt es überhaupt? Der Marketing Club Lago war am 22. November zu Gast im Milchwerk Radolfzell, Tagungs- und Kulturzentrum in der Bodenseeregion. Ein eindrucksreiches Event mit umfangreichen Informationen und Meinungen zum Thema Kultur und Marketing.

Die nachhaltigste Aussicht über den Bodensee

Wieder einmal ist es schwer, die interessanten Eindrücke vom MCLago Event in einem Blogbeitrag zusammenzufassen. Der Auftakt im 11. Stockwerk des Designhotel aquaTurm Hotel plus Energie, direkt unter der „Zeller Spa-Suit“ ließ bereits kaum zu wünschen übrig. Zur Begrüßung erfuhren von Jürgen Räffle persönlich alle Besonderheiten:

Norman Räffle, Architekt und Gebäudebetrieb-Gesellschafter, hatte 1997 eine Idee und setzte diese mit unvergleichbarem Engagement um. Die Gebäudefaszination liegt der ganzen Familie im Blut, das wurde uns allen sofort klar. Vom Café mit wunderschöner Aussicht über Radolfzell und den Bodensee bis zum Turmumbau zum weltweit 1. Nullenergiehochaus brauchte es mehr Zeit als geplant.

Die Radolfzeller waren skeptisch, doch die Familie Räffle nahm alles selbst in die Hand. Wirklich alles: Vom Fenstereinbau bis zur Elektrik. Mit dem selbstgekauften Kran bauten Vater und Sohn zusammen mit nur zwei Mitarbeitern den Turm innerhalb von 6 Jahren. Sogar die Innenarchitektur ist selbst entworfen. Jedes einzelne Möbelstück. Auch Reparaturen werden selbst vorgenommen, denn niemand kennt den alten Wasserturm besser als die Familie selbst.

Jürgen Räffle über den aquaTurm, das weltweit 1. Nullenergiehochhaus

Jürgen Räffle über den aquaTurm, das weltweit 1. Nullenergiehochhaus

Familiengeführt bedeutet sehr enge Strukturen und eine sehr gute Organisation. So gut, dass es sich wirtschaftlich lohnt ein Hotel mit nur 20 Zimmern zu betreiben. Die Radolfzeller selbst buchen regelmäßig Übernachtungen und exklusive Frühstücke in den abenteuerlichen Räumlichkeiten.

Nachhaltigkeit und Energieeffizienz werden hier stets groß geschrieben: Ziel des einzigartigen Nullenergiehochhauses ist es, nur so viel Energie zu verbrauchen, wie es selbst erzeugt. Die rundum verglasten Räumlichkeiten auf 37 m Höhe werden zu diesem Zweck im Sommer passiv gekühlt. Ein Wasserhahn gibt in der Minute nicht mehr als 1,3 Liter her.

Kein Funken Energie wird hier verschwendet und die MCLago Mitglieder schmunzeln beim Aufzugfahren: „Wir produzieren gerade Energie.“

Das Milchwerk hinter den Kulissen

Auch Angélique Tracik, Leiterin des Fachbereichs Kultur in Radolfzell, drückte ihre Bewunderung gegenüber der Familie Räffle aus, die zeigte, was es heißt, positiv zu denken und an sich selbst zu glauben. Sie geleitete uns zum eigentlich Vortrag in den großen Saal des Milchwerks Radolfzell.

Die MCLago Mitglieder nahmen im eigens für uns eingerichteten VIP-Bereich auf der Bühne platz. Dort gab Erik Hörenberg, Leiter des Milchwerks uns eine Einführung und einen Blick hinter die Kulissen des lokalen Veranstaltungshauses. Hauptaufgabe des Milchwerks ist es, als städtische Einrichtung eine attraktive Platform für jegliche Arten von Veranstaltungen zu bieten. Im Herzen des strategischen Ansatzes liegt die lokale Verwurzelung:

Große Hochzeiten, Abi- und Tanzabschlussbälle, Konzerte der örtlichen Musikvereine und natürlich die Fasnacht gibt es hier.

Erik Hörender über die Geschichte des Milchwerk Radolfzell

Das Milchwerk ist dabei hoch motiviert, sich weiterzuentwickeln, kreativ und innovativ zu sein. So wird auch die eigen Expertise immer erweitert. Neue Ideen werden umgesetzt und die Veranstaltungen gehen weit über das Konservative hinaus.

Wie aktiv die Kultur Radolfzell ist, zeigt sich auch im Projekt Micelab: Bodensee.

Es gibt nicht viele Städte wie Radolfzell, die eine so enge Vernetzung aller Kulturstätten leben. Die regionalen Veranstaltungshäuser pflegen einen regen engen Austausch und arbeiten so gemeinsam an der Weiterentwicklung der Tagungsregion statt sich gegenseitig Konkurrenz zu machen.

Die Kultur Radolfzell – Zielorientiert, nachhaltig, vorbildlich

Die Faszination der MCLago Mitglieder hielt sich nicht in Grenzen. Eine rege Diskussion folgte nach dem Hauptvortrag von Angelique Tracik zum Thema Kulturmarketing.

In Radolfzell wurde Kultur schon früh als Netzwerk/Platform gedacht. Von Beginn an gab es ein Kulturleitbild, ein Kulturkonzept und Kulturmarketing. Für jede Abteilung gibt es einen Maßnahmenkatalog. Jung und Alt arbeiten an der Zukunft der Radolfzeller Kultur mit. So ist ein Ergebnis der strategischen Marketing-Maßnahmen wie so oft die Digitalisierung, z.B. in Form einer Facebook-Seite der Kultur Radolfzell. Dennoch wird weiterhin analog gedacht, denn die Zielgruppe der Kultur Radolfzell sind in erster Linie die Einwohner der Stadt selbst.

Das alles hat die Radolfzeller Kultur zu einer starken Marke gemacht, auch wenn die Ausgangslage keinesfalls optimal war. Der Weg des Fachbereich Kultur der Stadt Radolfzell müsste sich einige Steine aus dem Weg räumen: Es gab kaum Kooperation, kein strategisches Marketing und nur wenig Kommunikation. Von einer klaren Zielsetzung ganz zu schweigen.

Projektzeitplan Kultur Radolfzell: Kulturleitbild, Kulturkonzept und Kulturmarketing

Projektzeitplan Kultur Radolfzell: Kulturleitbild, Kulturkonzept und Kulturmarketing

Umso bewundernswerter ist die aktuelle Situation und die Planung für die nächsten Jahre. Für die Radolfzeller Kultur wurde eigens ein Logo entwickelt: Das K steht für Kultur, das Apostroph für Besonderheit. Plakate und Flyer der Stadt vermitteln ein einheitliches Bild.

Die vier Kultur- und Bildungseinrichtungen positionieren sich zusammengehörig unter der Dachmarke Stadt Radolfzell. (Die großen Nachbarn, Konstanz und Singen, zwischen denen Radolfzell in der Vergangenheit beinahe unterging, können sich davon sicher eine Scheibe abschneiden.) Auch die zukünftige Positionierung als Musikstadt trifft den Kern der Radolfzeller Kultur. Dabei geht es auch um eine überregionale Steigerung des positiven Images der Kultur Radolfzell.

Erfolgsfaktoren für eine sinnvolle Kulturmarktingstrategie nach Angelique Tracik

Erfolgsfaktoren für eine sinnvolle Kulturmarktingstrategie nach Angelique Tracik

Ein Beispiel, das zeigt, wie sich die Kultur Radolfzell das Apostroph für Besonderheit verdient, ist die Artothek. Hier können Kunstwerke der Radolfzeller Künstlerinnen und Künstler ausgeliehen werden.

Jeder Besucher, dem ein Gemälde gefällt, kann sich dieses so für einen Monat in sein Wohnzimmer hängen. Die Möglichkeit das Kunstwerk dann zu kaufen, besteht nach Absprache ebenfalls.

„Das ist für mich gelebtes Marketing,“ fasst Angélique Trafik zusammen. Und der MCLago stimmte applaudierend zu.

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Showing 2 comments
  • Urs E. Gattiker
    Antworten

    Liebe Patrizia
    Sehr interessanter Beitrag.

    Mir hat dieser Abend auch sehr gut gefallen. Wie Kulturmarketing in der Praxis funktioniert wurde hier toll demonstriert.

    Aber auch das Herzblut absolut wichtig ist wurde wieder einmal klar demonstriert mit dem Designhotel aquaTurm Hotel plus Energie. Ein Projekt das länger dauerte als geplant… wurde erfolgreich fertig gestellt.

    Gut fand ich auch bei der Milchwerk die Zertifizierung als „grüner“ Veranstaltungsort siehe auch hier https://www.umweltzeichen.at/de/tourismus/veranstaltungslocations

    Auch wie Kulturmarketing in Radolfzell gelebt und umgesetzt wird war für mich vorbildlich… Wenn wir dann noch berücksichtigen, wie klein die Stadt ja ist (klein aber fein), dann hat mich das doch sehr beeindruckt.

    Herzlichst
    Urs

    • Patrizia Sinistra
      Antworten

      Vielen Dank, Urs, für deinen Kommentar.
      Das Event beweist für mich einmal wieder, dass es sich lohnt Mitglied im MCLago zu sein und die tollen Veranstaltungen zu besuchen.

      Was der Fachbereich Kultur Radolfzell geleistet hat, ist umso bewundernswerter, wenn man bedenkt, dass die kleine (aber feine) Stadt zwischen Konstanz und Singen zuvor eher unterging, was die Kultur betrifft. Doch mittlerweile können sich diese beiden Städte definitiv etwas von Radolfzell abschauen. Und in naher Zukunft noch viel mehr, was wir beim Event eindeutig demonstriert bekommen haben.

      Viele Grüße,
      Patrizia

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